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Das blaue Wunder von Capri

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Ihr Platz ist eine gemauerte Nische im Felsen, ungefähr fünf Meter über dem Meer. Hinter einer Glastür steht in einem steinernen Schrein eine weiße Madonnenstatue. Um ihren Hals hat jemand einen Rosenkranz gelegt, zu ihren Füßen welkt ein Blumenstrauß.

Morgens um neun steht die Sonne senkrecht über den Felsen und schickt ihre Strahlen in die dunklen Fluten unter dem Schrein. Das Sonnenlicht verwandelt das finstere Dunkelgrau des Meeres in ein einladendes, leuchtendes Blau. Schon tuckern die ersten Boote herbei, beladen mit aufgeregten Touristen.

Sie sind eine halbe Stunde zuvor im Hafen von Capri gestartet. Früh aufgestanden ist auch die Frau mit dem Sonnenhut, die um kurz vor neun eine in den Felsen gehauene Treppe hinuntersteigt. Sie ist mit dem Bus gekommen. Die Stufen führen von der Bushaltestelle zu einem Souvenirshop, von dort zu der kleinen Nische mit dem Marienschrein und schließlich hinunter zum Wasser.

Das Traumziel in der Bucht von Neapel

Die Menschen auf dem Boot und die Frau auf der Treppe sind nicht gekommen, um zu baden. Sie wollen ein Naturwunder erleben. Unter dem Madonnenschrein befindet sich im Felsen eine kleine Öffnung. Es ist der Eingang in eine Höhle, die in der Antike als Heiligtum für Nymphen diente. Später galt sie als verflucht und wurde von den Fischern der Umgebung gemieden.

Das änderte sich, nachdem ein deutscher Maler aus Breslau sie im frühen 19. Jahrhundert wiederentdeckte. Sein Fund verwandelte die blaue Grotte auf der italienischen Insel Capri in einen touristischen Hotspot. Seither zählt die felsige Insel in der Bucht von Neapel zu den Traumzielen von Sommerurlaubern aus aller Welt.

Capri – Urlaubsziel vergangener Jahrzehnte

Urlaubsinsel Capri – Bild Pixabay

Capri ist heute vor allem ein Synonym für das mediterrane Urlaubsvergnügen der 50er und 60er Jahre – einer Zeit, in der Italien noch ein exklusives Reiseziel war und die Strände noch nicht von Pauschaltouristen überrannt wurden.

Auf Capri hat sich daran bis heute wenig geändert, denn die Insel ist für Pauschaltourismus viel zu teuer. Die meisten Gäste sind Tagesausflügler, die morgens mit Fähren aus Neapel oder Sorrent kommen und die Insel am späten Nachmittag wieder verlassen.

In der Hochsaison spucken die Fähren im Hafen Marina Grande jeden Tag mehr als 10.000 Menschen aus. Sie haben nur ein paar Stunden Zeit, um die Insel zu erkunden – gerade genug, um die Highlights abzuhaken.

Ein Muss für jeden Capri-Besucher

Ganz oben auf der Liste der Highlights steht bei den meisten das maritime Naturwunder. Jeder Capri-Besucher hat schon mal davon gehört, und wer noch nicht drin war, fragt sich, was dran ist am Mythos der weltberühmten Felshöhle. „Man wird sich sonderbar überrascht finden, das Wasser blauem Feuer ähnlich die Grotte erfüllen zu sehen. Jede Welle scheint eine Flamme.“ Das schrieb der deutsche Maler und Poet August Kopisch.

Er hat die Grotte bei einem Ausflug am 17. August 1826 entdeckt und ihr später einen griffigen Namen verpasst: La Grotte Azurra. Seine Reiseberichte lieferten den Startschuss für die touristische Vermarktung.

Eine Tour in die Grotte ist nichts für schwache Nerven

Wer hinein will, muss am Höhleneingang eines der kippeligen Paddelboote besteigen, die klein genug sind, um durch das winzige Loch im Felsen in die Grotte hineinzuschippern. Bei rauer See stößt man sich dabei leicht den Kopf an der Felswand, und innen sorgen die Enge und das mysteriöse blaue Licht für eine klaustrophobische Stimmung.

Blaue Grotte von Capri

Die Rush Hour am Höhleneingang beginnt morgens um 9 und dauert den ganzen Tag, bis gegen 17 Uhr die Sonne hinter den Felsen verschwindet. In der Hochsaison drängeln sich dort Dutzende von Booten.

Manche Menschen warten Stunden, bis endlich ein Platz in einem Paddelboot frei ist. Doch es lohnt sich. Das Spiel des blauen Lichts im Wasser der ansonsten dunklen Höhle ist faszinierend.

Das kühle Nass glitzert wie Quecksilber, sobald man eine Hand hineintaucht. Man möchte dem Naturwunder mit Ehrfurcht begegnen und wünscht sich einen Moment der Stille. Die Menschen in den anderen Booten leider nicht, sie lachen, sie testen mit ihrem Geschrei das Echo in der Höhle und fotografieren sich gegenseitig mit ihren Handys. Noch lauter sind die Skipper, die die Paddelboote steuern. Sie intonieren italienische Opernarien, nutzen dabei die Höhle als Resonanzraum und setzen alles daran, sich gegenseitig zu übertönen. Keine fünf Minuten später ist alles vorbei.

Schon steuern die Skipper die Paddelboote zu dem hellen Punkt zurück, wo von außen ein wenig Sonnenlicht in die Grotte hineinfällt. Kräftige Hände ziehen die Boote durch den engen Grottenschlund ins Freie. Das war’s.

Die blaue Grotte fasziniert

Der Rummel rund um die blaue Grotte erstaunt um so mehr, weil es auf Capri zig andere, sehenswerte Felshöhlen gibt: eine weiße Grotte mit spektakulären Tropfsteinen, eine rote Grotte mit imposanten Felsformationen sowie eine grüne Grotte, die an eine tropische Lagune erinnert. Auch die blaue Farbe ist für Höhlenexperten nichts Besonderes. Blaue Grotten gibt es auch im süditalienischen Palinuro oder auf der kroatischen Insel Cres.

Doch keine andere Grotte der Welt kann es mit Capris Grotta Azurra aufnehmen – keine ist so berühmt, keine zieht so viele Menschen an. Wer sie besuchen möchte, sollte einen Tipp befolgen, den der Breslauer Maler Kopisch seinen Freunden schon vor mehr als 180 Jahren mit auf den Weg gegeben hat: „Sie ist des Morgens am schönsten, weil nachmittags das Tageslicht stärker und störender hineinfällt, und der wunderbare Zauber dadurch gemindert wird.“

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